"Das Fahrrad hilft uns, gesund zu bleiben"

Rät zum Rad: Dr. Andreas Greiwing (ZfS Münster) ist überzeugt vom positiven Einfluss regelmäßigen Radfahrens auf die Gesundheit.
Fahrrad Sportmedizin Labor Münster
In Labortests ermittelt das Zentrum für Sportmedizin die geeignete Belastung zum Beispiel beim Radfahren. (Foto: ZfS)
Fahrrad Sportmedizin Labor Münster
Die Tests im ZfS Münster lassen wertvolle Rückschlüsse auf Fitness und Belastungsgrad der Menschen zu. (Foto: ZfS)

Wer Rad fährt, lebt gesünder. Von diesem Ansatz ist Dr. Andreas Greiwing überzeugt. Greiwing ist Wissenschaftler am Zentrum für Sportmedizin in Münster, das Breitensportlern wie Triathleten umfassende Leistungsdiagnostik und Gesundheitsberatung bietet. Im Interview spricht Greiwing über Chancen und Schwierigkeiten des beruflichen Pendelns mit dem Fahrrad und diskutiert Gesundheitsaspekte von E-Bikes.

Naviki: Herr Dr. Greiwing, warum raten Sie Menschen zum Rad?
Dr. Andreas Greiwing:
Weil es unser Ziel sein muss, Menschen in Bewegung zu bringen. Eine der Möglichkeiten neben dem Gehen, Laufen und Schwimmen ist da das Radfahren.

Wo siedeln Sie das Radfahren im Wettbewerb dieser Fortbewegungsarten an?
Greiwing:
Fangen wir mit einem Nachteil an: Das Rad nimmt uns im Vergleich zum Gehen und Laufen das Körpergewicht weg, weil wir es uns auf einem Sattel bequem machen. Aber die Vorteile überwiegen. So können auch Menschen mit Einschränkungen im Bereich der Hüft- oder Kniegelenke etwas tun, um Kalorien zu verbrauchen und metabolische Effekte zu erzielen.

Was bedeutet das genau?
Greiwing:
Unter metabolisch verstehen wir zum Beispiel die Beziehungen zwischen Blutdruck und Bewegung, zwischen Diabetes II und Bewegung, zwischen Cholesterin, also Blutfetten, und Bewegung. Für all diese Beziehungen gilt: Ein Ausdauertraining wirkt sich hervorragend auf die Gesundheit aus. Inzwischen ist auch die positive Wirkung von Bewegung auf die Prophylaxe vieler Krebsarten belegt. Deswegen raten wir den Menschen zum Rad. Außerdem kommen sie einfacher in den Sattel als ins Schwimmbecken.

Sie meinen, Fahrräder haben bessere "Öffnungszeiten" als Bäder?
Greiwing:
Ja. Aber auch beim Fahrrad geht es nicht darum, einmal am Wochenende für zwei oder drei Stunden ins Grüne zu fahren und zu sagen: „Oh, war das schön!“ Viel wichtiger ist eine regelmäßige, systematische Trainingsarbeit, wenn ich auf gesundheitliche Effekte abziele.

Würden Sie dabei das Pendeln mit dem Rad zur Arbeit einbeziehen?
Greiwing:
Absolut! Auch hier gibt es klare Erkenntnisse. Studien belegen, dass Radfahren zur Arbeit und guter Gesundheitszustand hochgradig signifikant korrelieren, also positive Effekte kein Zufall sind. Das heißt: Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, ist gesünder!

Heißt es denn nicht auch: Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, ist in der Minderheit?
Greiwing:
Lassen Sie uns dafür einen Blick auf das Hauptkriterium werfen, warum Menschen nicht mit dem Rad zur Arbeit kommen. Aus vielen Gesprächen im Zentrum für Sportmedizin wissen wir, dass niemand schwitzend zum Dienst kommen möchte. Im Banken- und Versicherungswesen ist es völlig undenkbar, in einem durchgeschwitzten Anzug zur Arbeit zu erscheinen. Selbst wenn Sie relativ langsam fahren, schwitzen Sie immer ein wenig.

Was tun?
Greiwing:
Die Arbeitgeber könnten bessere sanitäre Bedingungen schaffen. Es dreht sich also um die Frage, ob die Mitarbeiter duschen können. Schon eine Dusche am Arbeitsplatz wäre ein Fortschritt. Diesen Wunsch hören wir häufig. Denn die Bereitschaft, den Weg zur Arbeit mit dem Rad zurückzulegen, ist sehr hoch. Gerade in Ballungszentren macht es doch keinen Spaß, morgens um 8 Uhr mit dem Auto unterwegs zu sein. Da ist man mit dem Fahrrad teilweise auch schneller.

Wäre Ihr Arbeitsplatz ohne Duschgelegenheiten denkbar?
Greiwing:
Wir bieten eine Leistungsdiagnostik an, die den Körper auf Touren bringt. Würden wir da nicht über die entsprechenden sanitären Anlagen verfügen, wäre das wie ein Zahnarzt ohne Bohrer. Zu unserem Angebot zählen natürlich auch Tests auf dem Rad. Da kommen wir fast automatisch mit unseren Patienten ins Gespräch, ob ihr Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad möglich ist. Ergebnis: Von der Distanz passt es oft, an den mangelnden Duschgelegenheiten scheitert es.

Wer nicht schwitzen will, setzt sich vielleicht aufs E-Bike. Ist das aus sportwissenschaftlicher Sicht eher Fluch oder Segen?
Greiwing:
Bei meinen Vorträgen über gesundes Radfahren wird dies heiß diskutiert. Oft höre ich dann: „E-Bike-Fahrer schonen sich nur.“ Nun ist es gut erforscht, wie das Radfahren ohne Unterstützung durch einen Hilfsmotor sich auf die Gesundheit auswirkt. Untersuchungen zu gesundheitlichen Aspekten im Zusammenhang mit E-Bikes sind mir nicht bekannt. Klar ist aber: Jedes noch so leichte Trampeln bringt mehr, als sich ins Auto zu setzen und zur Arbeit zu juckeln.

Wie würden Sie E-Bikes außerhalb des beruflichen Zusammenhangs einordnen?
Greiwing:
Allgemein gesprochen öffnen E-Bikes sehr vielen Menschen eine Möglichkeit, das Fahrrad überhaupt in Betracht zu ziehen. Mit Pulsmessern lässt sich dann auch die Belastung so steuern, dass sie die Gesundheit fördert. Das geht heute an der Hand oder am Handgelenk viel einfacher als früher mit den Gurten. Wer dafür offen ist, für den können wir gute Anreize liefern.

Wäre die Vorgabe „Trainiere mit einem Puls von 130“ solch ein Anreiz?
Greiwing:
Leider funktionieren solche allgemeinen Vorgaben in den meisten Fällen nicht. Das gilt auch für die Formel, mit 70 bis 80 Prozent der maximalen Herzfrequenz zu trainieren. Hier fällt der optimale Wert individuell sehr unterschiedlich aus! Ob eine Belastung wirklich locker ist oder der Körper nur durch eine zusätzliche anaerobe, also nicht sauerstoffabhängige Energiebereitstellung die geforderte Leistung erbringen kann, muss in Labortests ermittelt werden. Tests, wie sie auch bei uns im ZfS durchgeführt werden.

Warum sollten Arbeitgeber überhaupt ein Interesse an radfahrenden Mitarbeitern haben?
Greiwing:
Weil diese Mitarbeiter aktiv etwas für ihre Gesundheit tun, seltener krank werden und leistungsfähiger sind.

Und wenn Sie dürften, würden Sie Fahrräder per Rezept verordnen?
Greiwing:
Es gibt keine Alternative dazu, die Menschen in Bewegung zu bringen, zum Beispiel mit dem Fahrrad. Auch gibt es keinen Automatismus, mit 50 Jahren Blutdruckmedikamente, Fettsenker oder Antidiabetesmedikamente nehmen zu müssen! Unser Blutdruck steigt nicht, weil wir eine Altersgrenze passiert haben. Er steigt, weil wir uns falsch ernähren und uns immer weniger bewegen. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Menschen wegen mangelnder Bewegung erst krank werden zu lassen und dann zu versuchen, diese Menschen mit kostspieligen medizinischen Verfahren und Medikamenten zu behandeln. Das Fahrrad kann der erste Schritt sein, die Freude an der Bewegung zu wecken. Es ist eine hervorragende Möglichkeit, seine Gesundheit zu verbessern und auch im höheren Alter fit zu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Info zum Zentrum für Sportmedizin gibt es hier

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